Sexuelle Belästigung kann überall vorkommen – auch in Fußballstadien. Der Bundesligist Bayer Leverkusen will das Problem mit einer lokalen Initiative bekämpfen.
Vorfälle, wie sie die Twitter-Nutzerin Sarah in einem aktuellen Beitrag beschreibt, bleiben oft unentdeckt.
„Vor dem Spiel hat mir ein fremder Mann an den Hintern gefasst, ohne ein Wort zu sagen. Nach dem Spiel griff mir jemand unter das Hemd, als ich vorbeiging. Wo sind wir, dass Menschen so etwas immer noch für akzeptabel halten?“, fragte sie auf Twitter nach einem Heimspiel von Bayer Leverkusen. Sie ist eine der wenigen, die bereit sind, öffentlich über solche Vorfälle von sexueller Belästigung zu sprechen.
„Das Thema ist für die betroffenen Frauen natürlich sehr beschämend“, sagt Andrea Frewer von der Beratungsstelle für Opfer sexueller Belästigung in Leverkusen.
„Fünf Prozent der Frauen haben bereits sexuelle Gewalt erlebt“, sagte sie. „Sechzig Prozent haben sogar schon sexuelle Belästigung erlebt.“

Code-Wort: Luisa
Solche Vorfälle sind sicherlich kein Einzelfall in der Leverkusener BayArena, sondern kommen in Stadien auf der ganzen Welt vor.
„In unserem Stadion gibt es ein Bewusstsein für dieses Thema“, sagt der Fanbeauftragte von Bayer Leverkusen, Andreas Paffrath. Jährlich werden bei Leverkusener Spielen vier bis fünf Fälle von sexueller Belästigung gegen Frauen und Männer, gegen Zuschauer, Ordner oder Hostessen gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein.
Nachdem sich Paffrath und seine Kollegen von der Leverkusener Fanbetreuung informiert hatten, wie andere Vereine wie Borussia Dortmund oder Arminia Bielefeld das Problem angehen, beschlossen sie, sich dem bereits in Leverkusen etablierten Projekt „Luisa ist da“ anzuschließen. Vor dem Einstieg von Bayer war das Projekt vor allem in Kneipen und Bars der Stadt aktiv und bot neben einer Notrufnummer auch umfangreiche Hilfe an.
In der BayArena können sich Opfer sexueller Belästigung nun mit dem Codewort „Luisa“ an das Stadionpersonal wenden und um Hilfe bitten. Das Personal versucht dann, dem jeweiligen Opfer durch Gespräche zu helfen, es an einen sicheren Ort zu bringen oder es einfach aus der unangenehmen Situation zu begleiten.
„Wir helfen ganz individuell“, sagt Paffrath. Der Schwerpunkt liege zunächst einfach darauf, dem Opfer zu helfen. Die Untersuchung des Vorfalls oder der Versuch, den Täter vor Gericht zu bringen, finden erst später statt, fügte er hinzu.
Erst in jüngster Zeit – zwischen 2005 und 2015 – wurde das Thema „Belästigung von Frauen in Stadien“ selektiv in die umfassenderen Anti-Rassismus- und Anti-Gewalt-Studien aufgenommen. Seit 2015 sei das Thema im Zuge der Safe-Sport-Debatte stärker in den Blickpunkt gerückt, so der Sportwissenschaftler. Hinzu kommt der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, der jeweils am 25. November begangen wird, „den der Sport neuerdings aufgegriffen hat“, so Mittag.
„Von einer umfassenden Strategie, Ausbildung, Erziehung und auch Gegenreaktion ist hierzulande noch keine Rede“, so Mittag. „Aber die ersten Schritte in die richtige Richtung sind getan, auch durch das Engagement von Bayer Leverkusen.“
USA, Kanada, Australien gehen voran
Laut Mittag sind englischsprachige Länder wie die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien Deutschland im Umgang mit sexueller Belästigung voraus, auch wenn sie sich mehr auf das Verhalten von Spielern und Trainern als auf die Menschen auf den Tribünen konzentrieren.
„Es gibt jetzt Schulungen, anonyme Anlaufstellen, Sensibilisierungskampagnen und vieles mehr. Und das schwappt dann auch auf diejenigen über, die sich als Fans, Zuschauer oder Begleiter im Sportbereich aufhalten“, sagte er. Ein präventiver Ansatz wäre auch in den Stadien wünschenswert.
Frauen helfen, sich sicherer zu fühlen
In den vergangenen sechs Monaten wurden alle 800 Mitarbeiter, die an Spieltagen in der BayArena arbeiten, im Rahmen des Programms „Luisa“ darin geschult, wie sie Opfern zu Hilfe kommen können. Jetzt verbreiten sie die Botschaft mit Aufklebern, Flyern und Plakaten, die im ganzen Stadion aufgehängt wurden. Außerdem werden während der Spiele Lautsprecherdurchsagen gemacht, um die Zuschauer darüber zu informieren, wie sie bei Bedarf Hilfe bekommen können.
„Wenn Frauen wissen, dass es ‚Luisa‘ gibt, fühlen sie sich sicherer“, sagt Sozialarbeiterin Andrea Frewer.


