Bei der Überarbeitung ihrer nationalen Wasserstoffstrategie (NHS) sieht die deutsche Regierung einen enormen Bedarf an Wasserstoff voraus. Sie wird bis zu 70 % davon importieren müssen.
Deutschland will bis 2045 seine CO2-Bilanz verbessern, indem es aus fossilen Brennstoffen aussteigt, erneuerbare Energien ausbaut und die Effizienz erhöht. Die Regierung geht davon aus, dass Wasserstoff dabei eine wichtige Rolle spielen wird.
Das flüchtige Gas wird durch die Aufspaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff erzeugt. Dazu ist eine immense Menge an Energie erforderlich. Wenn diese Energie auf erneuerbaren Energien basiert, können die Wasserstoffhersteller ihn als „grünen Wasserstoff“ bezeichnen, der eine „saubere“ Energie darstellt. Derzeit wird der meiste Wasserstoff jedoch mit Erdgas hergestellt.
Wasserstoff könnte in Bereichen, in denen die Dekarbonisierung schwierig ist, eine wichtige Rolle spielen. Energieintensive Sektoren wie die Stahl-, Chemie- und Zementproduktion sowie der Luft- und Seeverkehr könnten ihre Klimaauswirkungen durch den Einsatz von Wasserstoff verringern.
Grüner“ Wasserstoff: Enormer Bedarf
Die nationale Wasserstoffstrategie Deutschlands wurde 2020 unter der Vorgängerregierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel erarbeitet. Die jetzige Bundesregierung hat sie aktualisiert und u.a. den Verkehr und die Hausheizung als Einsatzgebiete für Wasserstoff ins Visier genommen.
Dies dürfte die bereits beträchtliche Nachfrage noch weiter steigern. Bis 2030 könnte der Wasserstoffverbrauch 130 Terawattstunden erreichen – das ist mehr als ein Fünftel des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland im Jahr 2021, so die Energiemarktforschungsgruppe AGEB.
Allein die Schifffahrt könnte 120 Terawattstunden verbrauchen, so eine Studie des Deutschen Maritimen Zentrums.
„Mindestens 50 bis 70 Prozent werden importiert werden müssen“, sagt Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). „Anders als in der fossilen Welt gibt es in der Wasserstoffwirtschaft ein sehr breites Spektrum an potenziellen Lieferländern.“
Der „Sonnengürtel“ der Welt könnte eine gute Wahl sein, fügte er hinzu, angesichts des dortigen Potenzials für die Erzeugung von Solar- und Windenergie.
Marokko übernimmt die Vorreiterrolle
Das BMZ hat Wasserstoffprojekte mit Marokko, Brasilien, Tunesien, Algerien, Namibia und Südafrika gestartet. Deutsche und andere europäische Unternehmen arbeiten mit lokalen Firmen zusammen.
In Marokko soll 2026 die erste Großanlage für grünen Wasserstoff in Afrika ans Netz gehen. In Namibia setzt sich das BMZ für den Ausbau der Windenergie ein.
„Wir haben unsere Politik auf diese Wasserstoff-Weltwirtschaft ausgerichtet“, sagte Flasbarth.
Bisher hat das BMZ 270 Millionen Euro (299 Millionen Euro) zur Verfügung gestellt, um Investitionen in den Partnerländern anzukurbeln. Flasbarth hofft, dass daraus 1,3 Milliarden Euro werden, wenn sich der private Sektor beteiligt.
Menschenrechte und Umweltbelange
Entwicklungsgeschäfte wie diese sind oft mit Menschenrechts- und Umweltproblemen behaftet. Um dem entgegenzuwirken, hat das BMZ laut Flasbarth ein Programm entworfen, das Länder ausschließt, die noch auf fossile Brennstoffe angewiesen sind, oder solche, die selbst dringend auf Energie angewiesen sind.
Abgesehen von dem Problem, saubere Energie für die Herstellung von Wasserstoff zu beschaffen, braucht man auch viel Wasser. Der Klimawandel hat die Dürrebedingungen in vielen Teilen der Welt verschlimmert, und viele der afrikanischen Partner des BMZ sind mit der Ausbreitung der Wüste in der Sahara konfrontiert.
Häfen und Pipelines
Wenn der Wasserstoff von außerhalb Deutschlands oder Europas kommt, muss er verschifft werden. Da es sich um ein brennbares Gas handelt, muss er in eine stabilere Form umgewandelt und dann wieder zurückverwandelt werden. Deutschland sieht vor, dass Terminals, in denen derzeit Flüssigerdgas, ein Hauptverursacher von wärmeentwickelndem Methan, verarbeitet wird, für diesen Zweck umgerüstet werden.
Auch Pipelines sind ein möglicher Weg. Der NHS strebt bis 2028 ein „Wasserstoff-Start-up-Netz“ an. Dies würde 4.500 Kilometer (2.796 Meilen) bestehender und neuer Leitungen in ganz Europa umfassen. Bis 2030 sollen „alle wichtigen Erzeugungs-, Import- und Speicherzentren mit den entsprechenden Kunden verbunden sein“.
Arbeitsplätze in Deutschland
Um diesen Plan politisch durchzusetzen, müssen die politischen Entscheidungsträger zeigen, dass er deutschen Arbeitnehmern zugute kommen wird. Viele der Teile und Technologien für den Aufbau eines globalen Wasserstoffnetzes, das auch als klimaneutral gilt, könnten von großen deutschen Zulieferern stammen. Bosch beispielsweise geht davon aus, dass bis 2030 etwa 20 % der schweren Nutzfahrzeuge eine Wasserstoff-Brennstoffzelle benötigen. Das könnte der deutsche Industrieriese liefern.
Dieses Versprechen kommt jedoch zu einer Zeit, in der saubere Technologien Arbeitsplätze bedrohen könnten. Elektrofahrzeuge beispielsweise benötigen nur ein Zehntel der Arbeitskräfte, die für herkömmliche Verbrennungsmotoren benötigt werden.


