StartShoppingCoolcation statt Hitzestress: Warum wir im Sommer plötzlich die Kühle suchen

Coolcation statt Hitzestress: Warum wir im Sommer plötzlich die Kühle suchen

Der klassische Sommerurlaub lässt sich ziemlich einfach zeichnen.

Blauer Himmel. Strand. Sonnenschirm. 30 Grad.

Und möglichst kein Regen für zwei Wochen.

Jahrzehntelang war gutes Urlaubswetter fast automatisch mit möglichst viel Sonne verbunden. Reiseveranstalter warben mit Sonnengarantie, Wetter-Apps wurden vor dem Abflug nervös kontrolliert und ein bewölkter Tag am Mittelmeer fühlte sich beinahe wie verlorene Urlaubszeit an.

Doch inzwischen entsteht ein erstaunlicher Gegentrend.

Menschen suchen im Hochsommer nicht mehr unbedingt den heißesten Ort.

Sie suchen einen kühleren.

Dafür gibt es inzwischen sogar einen Namen: Coolcation – zusammengesetzt aus „cool“ und „vacation“.

Was zunächst wie ein weiteres Social-Media-Reisewort klingt, beschreibt eine ziemlich reale Veränderung.

Wenn 35 Grad nicht mehr nach Urlaub klingen

Die Vorstellung vom perfekten Sommerwetter verändert sich, sobald aus angenehmer Wärme extreme Hitze wird.

Bei 24 Grad lässt sich eine Altstadt wunderbar zu Fuß entdecken.

Bei 38 Grad sieht dieselbe Stadt plötzlich anders aus.

Der Spaziergang wird auf den frühen Morgen verschoben. Mittags sucht man klimatisierte Räume. Kinder wollen nicht mehr über den heißen Platz laufen. Nachts bleibt das Hotelzimmer warm.

Das verändert nicht nur den Komfort, sondern zunehmend auch die Wahl des Reiseziels.

Eine aktuelle Auswertung von Booking.com zeigt, wie deutlich das Thema inzwischen geworden ist: 49 Prozent der befragten Deutschen sagen, bestimmte Reiseziele seien mittlerweile zu heiß, um sie zu besuchen.

63 Prozent berücksichtigen das Risiko extremer Wetterbedingungen bei der Auswahl ihres Reiseziels, 64 Prozent sogar beim Zeitpunkt ihrer Reise.

Damit wird Wetter vom angenehmen Bonus zum Planungsfaktor.

Plötzlich wird die Nordsee interessanter als der Süden

Besonders sichtbar wird die Entwicklung bei kurzfristigen Entscheidungen.

Während einer Hitzeperiode im Juni stiegen laut Booking.com die Suchanfragen deutscher Reisender nach Unterkünften an der Nordsee deutlich.

Gefragt waren unter anderem Norderney, Cuxhaven und Sankt Peter-Ording.

Das ist bemerkenswert.

Denn jahrzehntelang bestand die klassische Sommerlogik eher darin, Deutschland zu verlassen, um garantiert Wärme zu bekommen.

Nun kann genau das Gegenteil attraktiv sein.

Meeresbrise statt stehender Hitze.

20 bis 25 Grad statt 35.

Abends eine leichte Jacke statt Klimaanlage.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Mallorca, Kreta oder die türkische Riviera plötzlich leer werden. Klassische Badeziele bleiben stark gefragt; der ADAC nennt beispielsweise Griechenland, Türkei und Ägypten weiterhin als beliebte Ziele mit attraktivem Preis-Leistungs-Verhältnis.

Aber daneben entsteht eine zweite Vorstellung vom gelungenen Sommerurlaub.

Urlaub muss nicht mehr automatisch braun machen

Vielleicht ist das sogar der interessantere Lifestyle-Aspekt.

Über Jahrzehnte war Bräune fast ein Souvenir.

Wer nach zwei Wochen Sommerurlaub zurückkam, sollte im Idealfall so aussehen, als wäre er tatsächlich weg gewesen.

Heute verändert sich dieser Gedanke langsam.

Schatten wird nicht mehr automatisch als schlechtes Wetter betrachtet.

Ein bewölkter Wandertag kann angenehmer sein als acht Stunden am Strand.

Und 22 Grad können für eine aktive Reise wesentlich besser funktionieren als 36.

Dadurch werden Regionen interessant, die früher im Hochsommer nicht unbedingt ganz oben auf der Wunschliste standen.

Skandinavien gehört dazu.

Aber man muss für eine Coolcation nicht einmal Deutschland verlassen.

Die Mittelgebirge werden zum Sommerziel

Die Deutsche Zentrale für Tourismus greift Coolcation inzwischen ausdrücklich als Reisethema auf und empfiehlt beispielsweise zwölf deutsche Mittelgebirgsregionen für einen kühleren Sommerurlaub.

Das Konzept ist einfach.

Höhenlage.

Wald.

Seen und Flüsse.

Viel Natur.

Regionen wie Sauerland, Eifel, Harz, Schwarzwald oder Schwäbische Alb bieten damit genau das, was während einer Hitzewelle plötzlich wertvoll wird.

Schatten.

Frischere Luft.

Wasser.

Und teilweise deutlich angenehmere Temperaturen als dicht bebaute Großstädte.

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Das Allgäu zeigt, wie attraktiv „nicht heiß“ werden kann

Ein besonders gutes Beispiel ist das Allgäu.

Berge, Bergseen, Wanderwege, kleine Dörfer und vergleichsweise kühle Nächte ergeben im Sommer ein völlig anderes Urlaubserlebnis als eine mediterrane Küste.

Während Teile Europas mit starken Hitzewellen kämpfen, wird die Region inzwischen international sogar explizit als Coolcation-Alternative beschrieben. Ein aktueller Reisebericht der britischen Times stellt das bayerische Allgäu genau unter diesem Gesichtspunkt vor: Sommerurlaub mit Wandern, Natur und Wellness – aber ohne extreme Temperaturen.

Dabei muss eine solche Reise keineswegs nach „Wanderurlaub für Profis“ aussehen.

Eine Bergbahn am Morgen.

Mittags ein See.

Nachmittags Café im Dorf.

Abends Sauna oder Terrasse.

Das Tempo kann ausgesprochen langsam sein.

Und genau das passt zu einer weiteren Veränderung des Reiseverhaltens.

Nicht mehr möglichst viel sehen

Instagram hat Reisen lange in die entgegengesetzte Richtung gedrückt.

Drei Tage Rom.

Colosseum.

Vatikan.

Trevi-Brunnen.

Piazza Navona.

Noch schnell Trastevere.

Und am Ende braucht man Urlaub vom Urlaub.

Coolcation funktioniert häufig besser mit einer anderen Haltung.

Ein Ort kann reichen.

Ein See kann für mehrere Tage reichen.

Nicht jeder Vormittag benötigt eine Sehenswürdigkeit.

Das passt zu dem Wunsch nach authentischeren und individuelleren Reiseerlebnissen, den auch der ADAC für die aktuelle Reiseplanung beobachtet. Weniger bekannte Regionen gewinnen gegenüber klassischen Massentourismus-Zielen an Interesse.

Das bedeutet nicht, dass berühmte Orte verschwinden.

Aber ein Dorf, dessen Namen niemand auf Instagram erkennt, kann plötzlich ein Vorteil sein.

Der neue Luxus könnte eine kühle Nacht sein

Interessant wird Coolcation auch beim Hotel.

Jahrelang waren Pool, Meerblick und Strandnähe typische Sommerargumente.

In Zukunft könnte ein anderes Detail wichtiger werden:

Kann ich nachts vernünftig schlafen?

Extreme Hitze verändert die Wahrnehmung von Unterkünften.

Ein wunderschönes historisches Hotelzimmer ohne Klimaanlage kann während einer Hitzewelle plötzlich weniger romantisch wirken.

Umgekehrt kann eine einfache Berghütte mit 17 Grad Außentemperatur nachts erstaunlich luxuriös erscheinen.

Wer im Sommer reist, sollte deshalb nicht nur die durchschnittliche Tageshöchsttemperatur des Reiseziels prüfen.

Auch die Nachttemperaturen sind interessant.

Denn 35 Grad am Tag sind wesentlich leichter auszuhalten, wenn es nachts deutlich abkühlt.

Bleibt es dagegen bis tief in die Nacht sehr warm, kann selbst ein kurzer Städtetrip anstrengend werden.

Auch der Reisezeitpunkt wird flexibler

Coolcation muss außerdem nicht zwingend bedeuten, nach Norden zu fahren.

Man kann auch anders reisen.

Statt Griechenland im August vielleicht im Mai oder Oktober.

Statt Sevilla im Juli im Frühjahr.

Statt einer Stadtbesichtigung um 14 Uhr beginnt der Tag früher und die heiße Mittagszeit wird bewusst langsam verbracht.

Genau diese zeitliche Anpassung zeigt sich ebenfalls in den aktuellen Daten: 64 Prozent der deutschen Befragten berücksichtigen Extremwetter bereits beim Zeitpunkt ihrer Reise.

Das könnte langfristig einen interessanten Effekt haben.

Die klassische europäische Hauptsaison könnte sich stärker verteilen.

Für Reisende kann das sogar Vorteile bringen.

Weniger Menschen, teilweise niedrigere Preise und angenehmere Temperaturen.

Kurzurlaub statt zwei Wochen Komplettpaket

Parallel verändert sich die Länge von Reisen.

Aktuelle europäische Buchungsdaten zeigen eine starke Nachfrage nach Kurztrips. Viele Reisen dauern nur drei oder vier Tage; verlängerte Wochenenden werden gezielt mit ein oder zwei Urlaubstagen kombiniert.

Das passt erstaunlich gut zum Coolcation-Prinzip.

Für drei Nächte muss man nicht unbedingt nach Südeuropa fliegen.

Harz, Allgäu, Nordsee, Tirol oder ein See in Österreich können plötzlich genauso interessant werden.

Der Vorteil liegt nicht nur in der Entfernung.

Eine kurze Reise lässt sich spontaner nach Wetterlage planen.

Ist für das kommende Wochenende eine extreme Hitzewelle angekündigt, kann ein Ort in höherer Lage plötzlich attraktiver werden als der ursprünglich geplante Citytrip.

Weniger Gepäck passt ebenfalls dazu

Auch beim Packen verändert eine solche Reise einiges.

Coolcation bedeutet nicht automatisch Winterkleidung im Juli.

Aber das klassische Sommerpaket aus Shorts, Sandalen und fünf T-Shirts reicht möglicherweise nicht.

In Bergen und nördlichen Regionen können Temperaturen stärker schwanken.

Eine leichte Regenjacke, dünner Pullover und vernünftige Schuhe sind deshalb häufig sinnvoller als das dritte elegante Abendoutfit.

Das Schöne daran:

Wer nicht für jeden möglichen Restaurantbesuch ein anderes Outfit plant, kann erstaunlich leicht reisen.

Ein kleiner Weekender oder Handgepäckkoffer kann für drei oder vier Tage problemlos reichen.

Und weniger Gepäck verändert tatsächlich das Reisegefühl.

Treppen werden weniger nervig.

Zugwechsel einfacher.

Das Hotel muss nicht zum Lagerraum werden.

Zugreisen passen erstaunlich gut zu diesem Reisestil

Gerade bei europäischen Kurzreisen kann außerdem die Bahn interessant werden.

Nicht aus romantischer Ideologie, sondern aus praktischen Gründen.

Stadtzentrum zu Stadtzentrum kann die Zugfahrt konkurrenzfähig sein, besonders wenn Anreise zum Flughafen, Sicherheitskontrolle und Wartezeit berücksichtigt werden.

Die Realität in Deutschland ist allerdings nicht perfekt.

Ein ADAC-Test des ICE-Verkehrs zeigte zuletzt deutliche Probleme bei der Zuverlässigkeit: 42 Prozent der getesteten ICE-Verbindungen starteten verspätet, und weniger als die Hälfte der geplanten Anschlüsse wurde erreicht. Komfort, Sauberkeit und WLAN schnitten dagegen gut ab.

Wer mit der Bahn in den Urlaub fährt, sollte deshalb bei wichtigen Umstiegen nicht die theoretisch knappste Verbindung wählen.

20 Minuten zusätzliche Reserve können entspannter sein als ein perfekt optimierter Reiseplan, der beim ersten verspäteten ICE zusammenbricht.

Der Urlaub beginnt vielleicht wieder unterwegs

Und trotzdem besitzt langsameres Reisen einen Reiz, der beim Fliegen häufig verloren geht.

Im Flugzeug existiert zwischen Zuhause und Ziel hauptsächlich Logistik.

Beim Zug sieht man die Landschaft wechseln.

Stadt wird Vorort.

Vorort wird Feld.

Flaches Land wird irgendwann Berg.

Die Reise bekommt wieder eine sichtbare Strecke.

Das ist keine objektiv bessere Art zu reisen.

Aber sie passt zu einem Urlaub, bei dem nicht jede Minute maximal effizient genutzt werden muss.

Vielleicht erklärt das auch einen Teil der neuen Begeisterung für Nachtzüge und längere Bahnreisen durch Europa.

Man steigt abends ein und wacht am nächsten Morgen woanders auf.

Fast altmodisch.

Und gerade deshalb wieder interessant.

Coolcation ist nicht automatisch nachhaltiger Urlaub

Dabei sollte man einen wichtigen Punkt nicht romantisieren.

Ein kühleres Reiseziel ist nicht automatisch ein nachhaltigeres Reiseziel.

Wer für eine Coolcation von Frankfurt nach Nordnorwegen fliegt, reist nicht allein deshalb klimafreundlich, weil es am Ziel 18 Grad hat.

Entscheidend sind weiterhin Entfernung, Verkehrsmittel, Unterkunft, Aufenthaltsdauer und das Verhalten vor Ort.

Coolcation beschreibt zunächst eine Temperaturpräferenz, keine Umweltzertifizierung.

Trotzdem kann der Trend indirekt etwas verändern.

Wenn Menschen näher gelegene Mittelgebirge, Nord- und Ostsee oder erreichbare Regionen in Nachbarländern entdecken, können daraus Reiseformen entstehen, die weniger Distanz benötigen.

Vor allem verändert sich aber unsere Vorstellung von „gutem Wetter“

Vielleicht ist genau das der spannendste Teil.

Wir haben Urlaubswetter lange fast ausschließlich in Sonnenstunden gemessen.

Doch was ist eigentlich besser?

38 Grad, wolkenlos und man verbringt den Nachmittag im klimatisierten Hotel?

Oder 23 Grad, einige Wolken und man kann den ganzen Tag draußen sein?

Für einen Strandurlaub kann die Antwort anders ausfallen als für Wandern, Radfahren oder einen Städtetrip.

Es gibt keine perfekte Temperatur für alle.

Aber extreme Sommerhitze zwingt Reisende zunehmend dazu, diese Frage überhaupt zu stellen.

Und damit könnte sich ein erstaunlich altes Urlaubsideal verändern.

Der Sommerurlaub muss nicht mehr die Suche nach dem wärmsten Ort sein.

Vielleicht wird er zunehmend die Suche nach dem Ort, an dem man morgens das Fenster öffnet, frische Luft hereinlässt und spontan entscheidet, ob der Tag am See, auf einem Wanderweg oder einfach mit einem langen Frühstück beginnt.

Keine 40 Grad.

Keine Jagd nach Sehenswürdigkeiten.

Vielleicht nicht einmal perfekter Sonnenschein.

Und möglicherweise ist genau das inzwischen ziemlich nah an perfektem Urlaubswetter.

Quellen

ADAC – Reisetrends und Reiseplanung; Deutsche Zentrale für Tourismus – Coolcation in deutschen Mittelgebirgen; Booking.com – Travel & Sustainability Report und aktuelle Suchdaten; Euronews – europäische Sommer-Reisetrends; ADAC – Qualitätscheck Deutsche Bahn.

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