Endlich Feierabend. Die Schuhe stehen in der Ecke, das Abendessen ist erledigt und für einen Moment gibt es nichts, was unbedingt getan werden müsste. Eigentlich wäre jetzt Freizeit.
Dann kommt das Smartphone.
Eine Nachricht wird beantwortet, kurz Social Media geöffnet, ein Video angesehen und nebenbei noch etwas gesucht, das einem gerade eingefallen ist. Aus fünf Minuten wird eine halbe Stunde. Später läuft eine Serie, während das Smartphone weiterhin auf dem Sofa liegt und regelmäßig aufleuchtet.
So sieht Freizeit heute für viele Menschen aus. Sie ist digitaler, flexibler und jederzeit verfügbar. Gleichzeitig wächst offenbar die Sehnsucht nach genau dem Gegenteil: Bewegung, Natur, persönlichen Gesprächen, spontanem Nichtstun und Erlebnissen, die nicht nur auf einem Display stattfinden.
Der aktuelle Freizeit-Monitor 2026 macht diesen scheinbaren Widerspruch sichtbar. Für die repräsentative Untersuchung wurden mehr als 3.000 Erwachsene in Deutschland zu ihrem Freizeitverhalten befragt. Die Ergebnisse zeigen einen Alltag, in dem digitale Medien selbstverständlich geworden sind – ohne dass analoge Bedürfnisse verschwinden.
Vielleicht ist genau das der wichtigste Lifestyle-Trend des Jahres: Wir wollen die digitale Welt nicht verlassen. Wir versuchen vielmehr herauszufinden, wie viel Platz sie in unserer freien Zeit bekommen soll.
Das Internet ist längst keine Freizeitaktivität mehr – sondern Infrastruktur
97 Prozent der Befragten nutzen mindestens einmal pro Woche das Internet.
Eine beeindruckende Zahl, die gleichzeitig kaum noch überrascht.
Das Internet ist heute nicht mehr mit einer einzelnen Freizeitbeschäftigung vergleichbar. Es ist die Infrastruktur, über die zahlreiche andere Aktivitäten stattfinden. Wir hören Musik online, streamen Filme, schreiben Nachrichten, kaufen ein, organisieren Reisen, lesen Nachrichten oder suchen Rezepte.
1998 sah das völlig anders aus. Als die Internetnutzung erstmals im Freizeit-Monitor erfasst wurde, nutzten gerade einmal drei Prozent der Bevölkerung das Netz wenigstens einmal pro Woche.
Heute sind es nahezu alle.
Damit hat sich innerhalb von weniger als drei Jahrzehnten nicht nur eine neue Freizeitbeschäftigung etabliert. Ein großer Teil unseres Alltags ist in eine digitale Umgebung umgezogen.
Das Smartphone zeigt den Wandel besonders deutlich
Noch eindrucksvoller ist die Entwicklung beim Smartphone.
2016 beschäftigten sich 31 Prozent der Befragten mindestens einmal pro Woche mit dem Smartphone zum Spielen, Surfen oder Chatten. 2026 sind es 81 Prozent.
Ein Plus von 50 Prozentpunkten innerhalb von zehn Jahren.
Kaum eine andere Freizeitaktivität hat sich in so kurzer Zeit so tief in den Alltag integriert.
Der Grund liegt auf der Hand: Das Smartphone verlangt praktisch keine Vorbereitung.
Für einen Kinobesuch muss man das Haus verlassen. Für Sport braucht es zumindest etwas Motivation. Ein Treffen mit Freunden benötigt einen Termin.
Das Smartphone ist bereits da.
Es funktioniert im Bus, auf dem Sofa, in der Warteschlange, im Bett und während die Nudeln kochen.
Genau diese Bequemlichkeit macht digitale Freizeit so erfolgreich.
Freizeit besteht zunehmend aus kleinen Zeitfenstern
Damit verändert sich möglicherweise auch unsere Vorstellung davon, was Freizeit überhaupt ist.
Früher wurde Freizeit stärker als klarer Block wahrgenommen: Feierabend, Wochenende, Urlaub.
Heute entstehen zusätzlich zahlreiche kleine Zwischenräume.
Zehn Minuten in der Bahn. Eine Viertelstunde vor einem Termin. Zwanzig Minuten auf dem Sofa.
Digitale Angebote können diese Lücken sofort füllen.
Das ist praktisch, hat aber eine interessante Nebenwirkung: Leerlauf verschwindet.
Ein Moment, in dem früher einfach aus dem Fenster geschaut wurde, wird heute schnell zum Anlass, das Smartphone herauszuholen.
Nicht weil etwas Wichtiges passiert.
Sondern weil es möglich ist.
Und trotzdem gehört Nichtstun zu unseren Lieblingsbeschäftigungen
Genau deshalb ist eine andere Zahl aus dem Freizeit-Monitor besonders interessant.
62 Prozent der Menschen geben an, mindestens einmal pro Woche bewusst zu faulenzen, nichts zu tun oder zu chillen.
70 Prozent gehen regelmäßig ihren eigenen Gedanken nach.
Das klingt fast wie ein Gegenprogramm zum digitalen Dauerangebot.
Menschen wollen offenbar nicht ständig produktiv sein. Und sie möchten ihre Freizeit auch nicht vollständig mit spektakulären Aktivitäten füllen.
Manchmal besteht Lebensqualität schlicht darin, keinen Plan zu haben.
Das ist in einer Kultur bemerkenswert, in der selbst Erholung häufig optimiert wird. Schlaf wird gemessen, Schritte werden gezählt, Meditation bekommt eine App und der Urlaub eine minutiöse Reiseroute.
Dabei kann Freizeit gerade deshalb wertvoll sein, weil sie keinem Ziel dienen muss.
Der perfekt geplante Feierabend kann überraschend anstrengend werden
Das moderne Lifestyle-Ideal kennt viele gute Gewohnheiten.
Nach der Arbeit Sport machen. Gesund kochen. Freunde treffen. Ein Buch lesen. Genügend schlafen. Vielleicht noch eine Sprache lernen oder ein kreatives Hobby beginnen.
Alles sinnvoll.
Zusammen kann daraus allerdings ein erstaunlich voller Kalender entstehen.
Dann wird Freizeit zu einer zweiten To-do-Liste.
Dienstag Fitnessstudio. Mittwoch Freunde. Donnerstag Sprachkurs. Freitag Restaurant. Samstag Ausflug. Sonntag Meal Prep.
Irgendwann benötigt man Erholung von der eigenen Erholung.
Der Freizeit-Monitor zeigt dagegen, dass spontan das zu tun, worauf man gerade Lust hat, besonders verbreitet ist. 80 Prozent tun dies mindestens einmal im Monat. Bei den 18- bis 34-Jährigen sind es sogar 88 Prozent.
Spontaneität besitzt offenbar weiterhin einen hohen Wert.
Vielleicht gerade deshalb, weil so viele andere Bereiche unseres Lebens organisiert sind.
Social Media gehört inzwischen fest zur Freizeit
71 Prozent nutzen mindestens wöchentlich Social Media.
Vor zehn Jahren waren es 48 Prozent.
Auch hier zeigt sich, wie stark sich Freizeit verändert hat.
Social Media ist dabei eine merkwürdige Mischform. Es kann Unterhaltung sein, Kontakt zu Freunden, Informationsquelle, Inspiration und Zeitvertreib gleichzeitig.
Manchmal alles innerhalb von fünf Minuten.
Genau deshalb ist die Frage „Wie viel Zeit verbringst du mit Social Media?“ allein nur begrenzt aussagekräftig.
Eine halbe Stunde kann aus einem langen Gespräch mit einem Freund bestehen. Oder aus 120 kurzen Videos, an die man sich zehn Minuten später kaum erinnert.
Digitale Freizeit ist nicht automatisch schlechte Freizeit.
Entscheidend ist vielmehr, was wir aus ihr mitnehmen.
Auch künstliche Intelligenz wird plötzlich Freizeitbeschäftigung
Eine der auffälligsten Neuerungen 2026 ist künstliche Intelligenz.
42 Prozent der Befragten nutzen KI bereits mindestens einmal pro Woche privat. Mindestens monatlich tun dies sogar 60 Prozent.
Bei jüngeren Erwachsenen ist die Verbreitung noch deutlich höher.
Das ist bemerkenswert, weil generative KI vor wenigen Jahren für die breite Bevölkerung praktisch keine Rolle spielte.
Heute wird sie nicht nur beruflich eingesetzt.
Menschen lassen sich Rezepte vorschlagen, planen Reisen, suchen Geschenkideen, lernen Sprachen, bearbeiten Bilder, stellen Alltagsfragen oder nutzen KI einfach aus Neugier.
Damit entsteht eine neue Form digitaler Freizeit.
Das Smartphone brachte das Internet überallhin.
KI verändert nun zunehmend, wie wir mit diesem Internet interagieren.
Gleichzeitig erleben klassische Bildschirme einen Wandel
Interessanterweise bedeutet mehr Digitalisierung nicht automatisch, dass jedes digitale Medium gewinnt.
Das Fernsehen bleibt zwar mit 84 Prozent regelmäßiger Nutzung ausgesprochen präsent, hat gegenüber früheren Jahren aber an Dominanz verloren.
Auch Radio und klassische Printmedien werden weniger regelmäßig genutzt.
Die Entwicklung geht damit nicht einfach von „analog“ zu „digital“.
Sie geht von festen Medienformaten zu flexiblen Angeboten.
Menschen möchten zunehmend selbst entscheiden, wann sie etwas hören, sehen oder lesen.
Streaming, Podcasts, Social Media und On-Demand-Inhalte passen genau zu diesem Wunsch.
Der klassische Programmplan verliert an Bedeutung, weil der persönliche Tagesplan wichtiger geworden ist.
Das Überraschende: Deutschland wird gleichzeitig sportlicher
Wer angesichts dieser Zahlen glaubt, Deutschland verbringe seine Freizeit nur noch auf dem Sofa vor Bildschirmen, liegt daneben.
53 Prozent der Bevölkerung treiben mindestens einmal pro Woche Sport.
Das ist ein neuer Höchstwert innerhalb der entsprechenden Langzeitbetrachtung. 2016 waren es lediglich 36 Prozent.
Auch andere Formen der Bewegung sind verbreitet.
34 Prozent fahren regelmäßig Fahrrad. Ebenfalls 34 Prozent machen Sport zu Hause, beispielsweise Workouts oder Yoga. 23 Prozent besuchen regelmäßig ein Fitnessstudio.
57 Prozent gehen mindestens einmal pro Woche spazieren.
Der digitale Boom und der Bewegungsboom passieren also gleichzeitig.
Das ist vielleicht weniger widersprüchlich, als es zunächst klingt.
Je digitaler der Alltag, desto wertvoller kann körperlicher Ausgleich werden
Viele Menschen verbringen ihren Arbeitstag bereits vor einem Bildschirm.
Danach folgen Smartphone, Streaming und andere digitale Angebote.
Der Körper dagegen benötigt weiterhin Bewegung.
Sport kann deshalb eine Funktion bekommen, die über Fitness hinausgeht. Er bietet einen klaren Wechsel der Umgebung und Aufmerksamkeit.
Beim Fahrradfahren, Schwimmen oder Krafttraining passiert etwas, das im digitalen Alltag seltener geworden ist: Der Körper steht wieder im Mittelpunkt.
Vielleicht erklärt das teilweise, warum Bewegung und digitale Freizeit gleichzeitig wachsen können.
Das eine ersetzt das andere nicht.
Es gleicht es möglicherweise aus.
Selbst der Spaziergang erlebt eine erstaunliche Karriere
57 Prozent gehen regelmäßig spazieren.
Noch 2016 lag der entsprechende Wert deutlich niedriger.
Der Spaziergang ist interessant, weil er kaum Voraussetzungen besitzt.
Keine Mitgliedschaft. Keine spezielle Ausrüstung. Kein Leistungsziel.
Man geht einfach los.
Während der Pandemie wurde Spazierengehen für viele Menschen plötzlich zur wichtigsten Möglichkeit, die Wohnung zu verlassen und andere zu treffen. Ein Teil dieser Gewohnheit ist offenbar geblieben.
Damit passt der Spaziergang perfekt zu einem größeren Lifestyle-Trend: Freizeit muss nicht immer spektakulär sein, um wertvoll zu sein.
Eine Stunde draußen kann mehr Erholung bringen als ein komplett durchgeplanter „Experience Day“.
Und sie benötigt keine Buchungsbestätigung.
Natur wird zum Gegenraum des digitalen Alltags
56 Prozent der Befragten halten sich regelmäßig in der Natur auf.
Auch das passt zum Wunsch nach Ausgleich.
Natur bietet etwas, das digitale Angebote kaum imitieren können: eine Umgebung ohne permanente Aufforderung zur Interaktion.
Ein Wald schickt keine Push-Nachricht.
Ein See verlangt kein Update.
Und ein Spazierweg möchte nicht wissen, ob man noch ein weiteres Video ansehen möchte.
Natürlich nehmen viele Menschen ihr Smartphone trotzdem mit. Es dient als Kamera, Navigation oder Musikplayer.
Digital und analog müssen sich deshalb nicht gegenseitig ausschließen.
Der Unterschied liegt eher darin, wer gerade die Aufmerksamkeit bestimmt.
Digital Detox klingt radikaler, als es meistens ist
Der Begriff „Digital Detox“ erzeugt schnell Bilder von Menschen, die ihr Smartphone eine Woche lang in einer Schublade einschließen und in eine Hütte ohne WLAN ziehen.
Die Realität ist wesentlich pragmatischer.
Eine Bitkom-Befragung aus dem August 2026 zeigt, dass 22 Prozent derjenigen, die einen Sommerurlaub planen, bewusst zeitweise auf private digitale Geräte oder Anwendungen verzichten möchten.
Bei den meisten bedeutet das allerdings keine komplette digitale Abstinenz.
13 Prozent planen lediglich einen einzelnen Tag. Fünf Prozent möchten mehrere Tage verzichten, drei Prozent eine ganze Woche.
Das zeigt etwas Interessantes.
Viele Menschen möchten nicht ohne digitale Technik leben.
Sie möchten nur gelegentlich entscheiden können, wann sie nicht verfügbar sein wollen.
Vielleicht brauchen wir keinen Digital Detox, sondern digitale Grenzen
Das könnte langfristig der realistischere Ansatz sein.
Wer das Smartphone beruflich und privat täglich nutzt, wird kaum dauerhaft darauf verzichten.
Aber nicht jede Funktion muss jederzeit aktiv sein.
Benachrichtigungen können ausgeschaltet werden. Das Smartphone kann beim Essen in der Tasche bleiben. Ein Spaziergang muss nicht dokumentiert werden. Und eine Nachricht kann manchmal auch eine Stunde später beantwortet werden.
Das klingt banal.
Doch digitale Dienste sind darauf optimiert, Aufmerksamkeit möglichst schnell zurückzugewinnen.
Eine Vibration genügt.
Deshalb müssen Grenzen häufig bewusst gesetzt werden, während analoge Freizeit früher automatisch Grenzen besaß.
Wer im Kino saß, war eben im Kino.
Heute sitzt man im Kino und besitzt gleichzeitig Zugang zu nahezu dem gesamten Internet in der Hosentasche.
Freunde treffen wir anders als früher
Der langfristige Vergleich des Freizeit-Monitors zeigt noch eine andere Veränderung.
1986 waren 37 Prozent regelmäßig mit Freunden unterwegs. Heute liegt dieser Anteil deutlich niedriger.
Das bedeutet nicht, dass Freundschaften verschwinden.
Ihre Form verändert sich.
Messenger, Gruppenchats, Videoanrufe und Social Media ermöglichen permanente kleine Kontakte. Man weiß, wo jemand im Urlaub ist, sieht Fotos vom Abendessen und schickt zwischendurch ein Meme.
Soziale Nähe wird dadurch flexibler.
Aber sie kann auch fragmentierter werden.
Ein digitaler Kontakt hält eine Beziehung möglicherweise am Leben. Er ersetzt jedoch nicht automatisch ein zweistündiges Gespräch am Küchentisch.
Genau deshalb bleiben persönliche Treffen wichtig
Die monatlichen Aktivitäten des Freizeit-Monitors zeigen, dass soziale Begegnungen weiterhin einen festen Platz besitzen.
63 Prozent treffen sich mindestens monatlich mit der Familie. 59 Prozent empfangen Freunde zu Hause und 58 Prozent unternehmen etwas mit Freunden.
Auch Nachbarschaft ist überraschend lebendig: 61 Prozent treffen Nachbarn oder plaudern zumindest gelegentlich mit ihnen.
Das ist eine wichtige Ergänzung zur Digitalisierungsdebatte.
Menschen ziehen sich nicht vollständig in virtuelle Welten zurück.
Sie organisieren soziale Beziehungen lediglich anders.
Der spontane Besuch wird vielleicht seltener.
Dafür existiert ein Gruppenchat, in dem drei Wochen lang versucht wird, einen Termin für das Abendessen zu finden.
Fortschritt hat eben Grenzen.
Essen gehen bleibt ein kleines Alltagsereignis
56 Prozent besuchen mindestens einmal im Monat ein Restaurant.
Auch darin steckt ein interessanter Lifestyle-Aspekt.
Essen könnte heute so bequem wie nie zuvor zu Hause stattfinden. Lieferdienste bringen Mahlzeiten bis zur Haustür, Lebensmittel können online bestellt werden und Streaming sorgt für Unterhaltung auf dem Sofa.
Trotzdem gehen Menschen aus.
Denn Restaurantbesuche erfüllen mehr als einen funktionalen Zweck.
Es geht nicht nur darum, satt zu werden.
Ein Ortswechsel, andere Menschen, Atmosphäre und gemeinsame Zeit machen aus einer Mahlzeit ein Erlebnis.
Genau dieser Unterschied zwischen Konsum und Erlebnis wird für moderne Freizeit zunehmend wichtig.
Erlebnisse konkurrieren mit Dingen
2026 zeigen verschiedene Untersuchungen ein wachsendes Interesse an Erlebnissen gegenüber rein materiellem Konsum.
Reisen, Natur, Kulinarik, Konzerte, Wellness und gemeinsame Aktivitäten besitzen einen Wert, der sich nicht ins Regal stellen lässt.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Menschen plötzlich nichts mehr kaufen.
78 Prozent betreiben mindestens monatlich Onlineshopping.
Der materielle und der erlebnisorientierte Lifestyle existieren nebeneinander.
Aber bei besonderen Ausgaben stellt sich häufiger eine andere Frage:
Brauche ich noch einen Gegenstand – oder möchte ich lieber etwas erleben?
Diese Verschiebung ist besonders spannend, weil digitale Technik dabei gleichzeitig Helfer und Konkurrent ist.
Wir finden das Konzert online, buchen die Reise über eine App und fotografieren das Essen mit dem Smartphone.
Das eigentliche Erlebnis soll trotzdem außerhalb des Displays stattfinden.
Wochenendtrips werden zu kleinen Fluchten aus dem Alltag
61 Prozent der Befragten unternehmen mindestens einmal im Jahr eine Wochenendfahrt mit Übernachtung.
Das passt zu einer Freizeitkultur, in der große Urlaube durch kleinere Auszeiten ergänzt werden.
Ein Wochenende in einer anderen Stadt, zwei Tage am Meer oder eine Nacht in den Bergen benötigen weniger Planung als eine lange Reise.
Gleichzeitig erzeugen sie einen deutlichen Bruch mit dem Alltag.
Freitag noch Büro, Samstagmorgen Frühstück in einer anderen Stadt.
Dieser schnelle Wechsel macht Kurzreisen attraktiv.
Gerade in einem Alltag, der durch digitale Erreichbarkeit räumlich immer weniger Grenzen kennt, bekommt der physische Ortswechsel möglicherweise eine neue Bedeutung.
Man fährt weg, um tatsächlich woanders zu sein.
Flohmärkte passen erstaunlich gut ins Jahr 2026
Fast die Hälfte der Befragten besucht mindestens einmal jährlich einen Floh- oder Antikmarkt.
Das ist bemerkenswert.
Online kann heute nahezu jeder gebrauchte Gegenstand innerhalb von Sekunden gesucht und gekauft werden. Ein Flohmarkt ist objektiv betrachtet wesentlich ineffizienter.
Man weiß nicht, was angeboten wird. Preise sind nicht automatisch vergleichbar. Man muss hinfahren und herumgehen.
Und genau darin liegt der Reiz.
Ein Flohmarkt ist keine perfekte Suchmaschine.
Er ist Entdeckung.
Man findet Dinge, nach denen man nicht gesucht hat. Man spricht mit Menschen. Man nimmt Gegenstände in die Hand.
In einer zunehmend algorithmisch personalisierten Welt bekommt Zufall möglicherweise wieder einen eigenen Wert.
Auch Kultur wird wieder stärker zum Erlebnis
Museen, Konzerte, Kinos und andere kulturelle Aktivitäten gehören weiterhin zum Freizeitjahr vieler Menschen.
45 Prozent besuchen mindestens einmal jährlich ein Museum oder eine Kunstausstellung, 42 Prozent ein Rock- oder Popkonzert beziehungsweise Festival und 57 Prozent gehen ins Kino.
Auch hier zeigt sich: Streaming hat das Kino nicht abgeschafft.
YouTube hat Konzerte nicht überflüssig gemacht.
Virtuelle Museumsrundgänge ersetzen nicht vollständig den Besuch vor Ort.
Digitale Medien können Inhalte hervorragend transportieren.
Was ihnen fehlt, ist häufig der Anlass.
Ein Konzert ist ein Datum im Kalender. Ein Kinobesuch ein gemeinsamer Abend. Eine Ausstellung ein Grund, das Haus zu verlassen.
Genau solche klaren Ereignisse können in einem jederzeit verfügbaren Medienangebot besonders wertvoll werden.
Freizeit wird nicht unbedingt mehr – unsere Möglichkeiten werden mehr
Das ist vielleicht das eigentliche Problem moderner Freizeit.
Nicht unbedingt fehlende Zeit.
Sondern zu viele Möglichkeiten für dieselbe Zeit.
Eine freie Stunde kann heute mit einer Serie, einem Videospiel, Social Media, Sport, Podcast, Spaziergang, Telefonat, Buch, Online-Shopping oder KI verbracht werden.
Alles ist sofort verfügbar.
Damit entsteht ein Luxusproblem, das sich manchmal überhaupt nicht luxuriös anfühlt: Entscheidungsstress.
Was soll ich mit meinem freien Abend machen?
Wer zehn Streamingdienste durchsucht und nach 40 Minuten immer noch keinen Film ausgewählt hat, kennt das Phänomen.
Unbegrenzte Auswahl führt nicht automatisch zu größerer Zufriedenheit.
Gute Freizeit muss nicht effizient sein
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Freizeit nach denselben Regeln zu behandeln wie Arbeit.
Sie muss nicht maximal produktiv sein.
Ein Hobby benötigt keinen messbaren Fortschritt. Ein Spaziergang braucht kein Ziel. Ein Abend mit Freunden muss keinen besonderen Anlass haben.
Und ein Sonntag, an dem wenig passiert, ist nicht automatisch verschwendet.
Das klingt selbstverständlich, widerspricht aber einem Lifestyle, in dem selbst freie Zeit häufig dokumentiert, bewertet und optimiert wird.
10.000 Schritte.
Sieben Stunden Schlaf.
Zwanzig gelesene Bücher.
Zwölf besuchte Länder.
Zahlen können motivieren.
Aber Erholung lässt sich nicht vollständig in Statistiken übersetzen.
Vielleicht ist Aufmerksamkeit der neue Luxus
Früher war Unterhaltung knapp.
Heute ist sie unbegrenzt verfügbar.
Jederzeit können Millionen Songs, Videos, Filme, Nachrichten und Beiträge abgerufen werden.
Knapp geworden ist stattdessen Aufmerksamkeit.
Ein Gespräch ohne Blick aufs Smartphone. Ein Film ohne paralleles Scrollen. Ein Spaziergang ohne Podcast. Ein Abend, an dem nicht fünf Dinge gleichzeitig passieren.
Solche Momente wirken beinahe ungewöhnlich.
Und gerade deshalb könnten sie zunehmend als wertvoll empfunden werden.
Der moderne Luxus muss nicht unbedingt darin bestehen, mehr Möglichkeiten zu besitzen.
Vielleicht besteht er darin, für eine Weile nur eine davon zu wählen.
Der Lifestyle-Trend lautet deshalb nicht „zurück ins Analoge“
Eine romantische Rückkehr in eine Welt ohne Smartphones ist weder realistisch noch unbedingt wünschenswert.
Digitale Technik macht Freizeit in vielen Bereichen besser.
Sie verbindet Menschen über Entfernungen, ermöglicht spontane Reiseplanung, bietet Zugang zu Musik und Wissen und hilft dabei, neue Hobbys oder Veranstaltungen zu entdecken.
Die Zahlen des Freizeit-Monitors zeigen entsprechend keine Flucht aus der Digitalisierung.
Das Internet wird von 97 Prozent regelmäßig genutzt, Smartphones von 81 Prozent und Social Media von 71 Prozent.
Gleichzeitig treiben 53 Prozent Sport, 57 Prozent gehen spazieren und 56 Prozent halten sich regelmäßig in der Natur auf.
Beides wächst nebeneinander.
Der Lifestyle der kommenden Jahre könnte deshalb weniger von der Entscheidung digital oder analog geprägt sein.
Entscheidender wird die Fähigkeit, zwischen beiden bewusst zu wechseln.
Fazit: Die beste Freizeit fühlt sich nach Freizeit an
Der Freizeit-Monitor 2026 zeichnet kein Bild einer Gesellschaft, die vollständig im Smartphone verschwunden ist. Er zeigt vielmehr Menschen, deren Alltag digitaler geworden ist und die gleichzeitig nach Bewegung, Erholung, persönlichen Kontakten und besonderen Erlebnissen suchen.
Das Smartphone gehört für die große Mehrheit selbstverständlich zur Freizeit. Social Media ist Alltag, Streaming normal und selbst künstliche Intelligenz entwickelt sich bereits zu einer regelmäßigen privaten Beschäftigung.
Doch parallel passiert etwas anderes.
Menschen treiben häufiger Sport, gehen spazieren, suchen Natur, treffen Freunde, reisen übers Wochenende, besuchen Konzerte oder machen einfach einmal nichts.
Vielleicht ist das gar kein Widerspruch.
Je mehr Unterhaltung jederzeit verfügbar ist, desto wichtiger wird die Entscheidung, welcher Aktivität wir tatsächlich unsere Aufmerksamkeit schenken.
Ein guter Feierabend muss deshalb nicht digital detoxed, perfekt geplant oder besonders instagrammable sein. Manchmal reicht ein Essen mit Freunden. Eine Runde mit dem Fahrrad. Eine Stunde am See. Oder ein Abend auf dem Sofa, an dem das Smartphone einfach ein bisschen weiter entfernt liegt.
Denn die wichtigste Frage moderner Freizeit lautet möglicherweise nicht mehr: Was könnten wir alles machen?
Sondern: Was tut uns heute tatsächlich gut?

