Ein Ladekabel für wenige Euro. Eine Handyhülle zum Preis eines Kaffees. Sommerkleider, Küchenhelfer oder Dekoration, die teilweise weniger kosten als der Versand eines Pakets innerhalb Deutschlands.
Der Erfolg von Shopping-Plattformen aus Asien lässt sich ziemlich einfach erklären:
Der Preis ist schwer zu ignorieren.
Und deutsche Verbraucher ignorieren ihn offenbar immer weniger.
Im zweiten Quartal entfielen bereits 5,3 Prozent der deutschen Onlinehandelsumsätze auf asiatische Shopping-Plattformen wie Temu, Shein und AliExpress. Das ist ein neuer Rekordwert.
Zwischen April und Juni steigerten die Anbieter ihre Umsätze gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als 20 Prozent auf gut 1,1 Milliarden Euro. Der deutsche Onlinehandel insgesamt wuchs im gleichen Zeitraum wesentlich langsamer.
Das zeigt: Ultra-Low-Cost-Shopping ist längst kein Randphänomen mehr.
Doch ausgerechnet jetzt verändert sich das Modell.
Besonders bei Mode wird der Einfluss sichtbar
Die 5,3 Prozent Marktanteil erzählen nur einen Teil der Geschichte.
Je nach Produktkategorie ist die Bedeutung der Plattformen wesentlich größer.
Besonders deutlich wird das bei Mode. Dort entfielen zuletzt bereits mehr als 16 Prozent aller Bestellungen auf asiatische Plattformen wie Temu und Shein.
Das setzt klassische Onlinehändler unter Druck.
Denn der Wettbewerb funktioniert nicht nur über Preise.
Die Apps selbst sind Teil des Geschäftsmodells.
Countdowns, Gutscheine, zeitlich begrenzte Aktionen und ständig wechselnde Produktempfehlungen sorgen dafür, dass Online-Shopping weniger wie ein gezielter Einkauf und mehr wie ein digitaler Freizeitvertreib funktionieren kann.
Man öffnet die App vielleicht wegen eines Ladekabels.
Zwanzig Minuten später liegen sechs andere Produkte im Warenkorb.
Der niedrige Preis trifft auf vorsichtige Verbraucher
Dass dieses Modell gerade jetzt funktioniert, ist kein Zufall.
Die Konsumstimmung in Deutschland bleibt schwach.
Das HDE-Konsumbarometer sank im August wieder leicht. Gegenüber dem Vorjahr ist die Verbraucherstimmung deutlich schlechter. Die Verbraucher planen laut Handelsverband zudem, ihre Sparanstrengungen in den kommenden Wochen zu erhöhen.
Auch eine HDE-Umfrage unter 600 Handelsunternehmen zeigt die Dimension des Problems: 79 Prozent der Händler nannten die Kaufzurückhaltung der Kunden als ihre derzeit größte Herausforderung.
Damit entsteht ein scheinbarer Widerspruch.
Menschen wollen weniger ausgeben – kaufen aber gleichzeitig weiterhin online.
Genau hier können extrem günstige Plattformen profitieren.
Wenn ein Produkt statt 30 Euro nur acht Euro kostet, fühlt sich der Kauf weniger bedeutend an.
Mehrere kleine Käufe können sich allerdings genauso summieren wie ein großer.
Der deutsche Einzelhandel wächst – aber nur auf den ersten Blick kräftig
Auch die aktuellen Umsatzzahlen zeigen, wie vorsichtig man wirtschaftliche Shopping-News lesen muss.
Im ersten Halbjahr 2026 erzielte der deutsche Einzelhandel nominal 2,2 Prozent mehr Umsatz als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.
Inflationsbereinigt blieb davon allerdings lediglich ein reales Wachstum von 0,7 Prozent übrig.
Und im Juni ging der reale Einzelhandelsumsatz gegenüber Mai sogar um 1,1 Prozent zurück.
Mehr Umsatz bedeutet also nicht automatisch, dass Verbraucher wesentlich mehr Produkte kaufen.
Ein Teil des Wachstums entsteht schlicht durch höhere Preise.
Für Händler verschärft das den Wettbewerb um preisbewusste Kunden.
Seit Juli gelten neue Regeln für günstige Importpakete
Genau an diesem Punkt kommt eine wichtige Veränderung ins Spiel.
Seit dem 1. Juli 2026 gelten neue Zollregeln für günstige Lieferungen.
Die bisherige Ausnahme für Sendungen unter 150 Euro ist weggefallen. Auch bei solchen Bestellungen kann nun eine Zollabgabe anfallen. Dabei werden pauschal drei Euro pro Warengruppe berechnet.
Für einen Einkauf von mehreren hundert Euro wären drei Euro kaum entscheidend.
Beim Geschäftsmodell des Ultra-Billig-Shoppings sieht die Rechnung anders aus.
Kostet ein Produkt vier oder fünf Euro, verändert eine zusätzliche Gebühr den tatsächlichen Endpreis erheblich.
Besonders relevant wird das, wenn eine Bestellung Waren aus unterschiedlichen Kategorien enthält.
Der Preis im Warenkorb ist deshalb nicht immer der Endpreis
Für Verbraucher wird es damit wichtiger, beim Einkauf auf Nicht-EU-Plattformen nicht nur auf die große Zahl neben dem Produktfoto zu schauen.
Entscheidend ist:
Was kostet die Bestellung tatsächlich, bis sie bei mir angekommen ist?
Zusätzliche Einfuhrkosten können einen vermeintlichen Preisvorteil reduzieren.
Die Verbraucherzentralen beschäftigen sich bereits mit den praktischen Auswirkungen der neuen Regeln und sammeln Erfahrungen von Kunden mit Bestellungen unter anderem bei Temu, Shein und AliExpress.
Das dürfte in den kommenden Monaten besonders interessant werden.
Denn der Erfolg dieser Plattformen basiert stark darauf, dass Preisunterschiede sofort sichtbar sind.
Wird der tatsächliche Endpreis komplizierter, verändert sich auch der Vergleich mit europäischen Händlern.
Ein 4-Euro-Produkt ist nicht automatisch ein Schnäppchen
Unabhängig vom Zoll gibt es aber noch eine zweite Rechnung.
Der Preis eines Produkts sagt wenig darüber aus, ob der Kauf wirtschaftlich sinnvoll war.
Eine Handyhülle für vier Euro, die zwei Jahre genutzt wird, kann ein hervorragender Kauf sein.
Eine dekorative Lampe für sechs Euro, die nach dem Auspacken nicht gefällt und anschließend in einer Schublade verschwindet, war dagegen nicht günstig.
Sie war sechs Euro unnötige Ausgabe.
Das klingt banal, ist beim heutigen App-Shopping aber entscheidend.
Je niedriger ein Preis wird, desto weniger Zeit verbringen wir häufig mit der Kaufentscheidung.
Bei einem 900-Euro-Smartphone werden Testberichte gelesen.
Bei einem 3,99-Euro-Gadget reicht ein interessantes Produktvideo.
Genau dadurch kann Billig-Shopping teuer werden – nicht wegen des einzelnen Produkts, sondern wegen der Menge kleiner Entscheidungen.
Countdown-Timer sollten keine Kaufentscheidung treffen
Hinzu kommt die Gestaltung moderner Shopping-Plattformen.
„Nur noch wenige verfügbar.“
„Angebot endet in zehn Minuten.“
„Jetzt zusätzlichen Rabatt sichern.“
Solche Mechanismen erzeugen Dringlichkeit.
Für Verbraucher ist dabei eine einfache Regel erstaunlich hilfreich:
Wenn ein Produkt gestern nicht benötigt wurde, wird es wahrscheinlich nicht plötzlich notwendig, nur weil ein Countdown danebensteht.
Ein Screenshot oder das Speichern im Warenkorb kann deshalb eine gute Bremse sein.
24 Stunden warten.
Danach noch einmal ansehen.
Erstaunlich viele vermeintliche Must-haves verlieren über Nacht ihre Magie.
Bei Elektronik sollte der Preis nicht das einzige Kriterium sein
Besondere Vorsicht ist bei bestimmten Produktgruppen sinnvoll.
Ein billiges Deko-Objekt und ein extrem günstiges elektrisches Ladegerät haben nicht dasselbe Risikoprofil.
Bei Elektroprodukten können Produktsicherheit, technische Kennzeichnungen, Kompatibilität und die Identität des verantwortlichen Händlers wichtiger werden als ein Unterschied von fünf Euro.
Dasselbe gilt beispielsweise für Produkte, die direkt mit Lebensmitteln oder der Haut in Kontakt kommen.
Ultra-Low-Cost-Shopping sollte deshalb nicht als eine einzige Produktkategorie betrachtet werden.
Ein günstiger Stoffbeutel ist etwas anderes als ein Ladegerät, das jede Nacht unbeaufsichtigt an einer Steckdose hängt.
Retouren machen aus dem Schnäppchen schnell Arbeit
Auch Rücksendungen gehören in die Rechnung.
Ein Pullover kostet vielleicht zwölf Euro.
Passt er nicht, beginnt allerdings der weniger unterhaltsame Teil des Online-Shoppings.
Rückgabebedingungen prüfen.
Verpacken.
Rücksendeadresse finden.
Erstattung kontrollieren.
Bei Händlern außerhalb der EU können Verbraucherrechte und deren praktische Durchsetzung außerdem komplizierter sein als bei einem Kauf bei einem etablierten Händler innerhalb Deutschlands oder der EU.
Deshalb sollte gerade bei sehr günstigen Artikeln vor dem Kauf kurz geprüft werden, wer das Produkt tatsächlich verkauft und welche Rückgabebedingungen gelten.
Ein niedriger Preis kann zehn Minuten Shopping sparen.
Eine komplizierte Reklamation kostet möglicherweise zwei Stunden.
Gleichzeitig werden Rückgaben in Deutschland einfacher
Interessanterweise entwickelt sich der deutsche Onlinehandel gleichzeitig in die andere Richtung.
Seit Juni müssen Online-Shops einen gut sichtbaren Widerrufsbutton anbieten.
Die Idee: Einen online abgeschlossenen Vertrag zu widerrufen soll ähnlich unkompliziert werden wie der ursprüngliche Kauf.
Das stärkt die Position von Verbrauchern.
Gleichzeitig zeigt es, wie stark sich der Wettbewerb im Onlinehandel inzwischen nicht nur um Preise, sondern auch um Komfort dreht.
Ein Shop mit etwas höheren Preisen kann attraktiv bleiben, wenn Lieferung, Rückgabe, Kundenservice und Reklamationen wesentlich einfacher funktionieren.
Der billigste Händler muss deshalb nicht der günstigste sein
Genau das wird in den kommenden Jahren wahrscheinlich wichtiger.
Online-Shopping wurde lange über eine sehr einfache Vergleichsgröße definiert:
Wo kostet das Produkt am wenigsten?
Doch der tatsächliche Wert eines Angebots besteht aus mehr.
Produktpreis.
Versand.
Zoll und mögliche Zusatzkosten.
Lieferzeit.
Rückgabemöglichkeit.
Garantie.
Kundenservice.
Produktqualität.
Und nicht zuletzt der Frage, ob das Produkt überhaupt gebraucht wird.
Ein Artikel für 20 Euro bei einem Händler mit unkomplizierter Rückgabe kann am Ende die bessere Entscheidung sein als dasselbe Produkt für 14 Euro mit langer Lieferzeit und schwieriger Reklamation.
Temu und Co. werden trotzdem nicht einfach verschwinden
Die neuen Zollregeln bedeuten deshalb keineswegs automatisch das Ende asiatischer Shopping-Plattformen.
Dafür sind sie inzwischen zu groß.
Ein Marktanteil von 5,3 Prozent im deutschen Onlinehandel und Wachstumsraten von mehr als 20 Prozent zeigen, dass das Geschäftsmodell eine erhebliche Nachfrage gefunden hat.
Außerdem lernen große Plattformen schnell.
Logistikzentren innerhalb Europas, lokale Händlerstrukturen, veränderte Versandmodelle oder angepasste Preise können Teile regulatorischer Veränderungen auffangen.
Für den deutschen Handel bedeutet das:
Der Wettbewerb über den Preis bleibt.
Aber er wird komplizierter.
Vielleicht verändert sich gerade, was wir unter einem Schnäppchen verstehen
Das könnte die spannendste Entwicklung sein.
Ein Schnäppchen war lange ein Produkt, dessen Preis besonders niedrig war.
Beim modernen Online-Shopping reicht diese Definition nicht mehr.
Wenn zusätzliche Gebühren entstehen, die Qualität enttäuscht oder eine Rückgabe unverhältnismäßig kompliziert ist, verliert der niedrige Produktpreis schnell seinen Reiz.
Umgekehrt kann ein etwas teurerer Kauf günstiger sein, wenn ein Produkt länger hält und problemlos genutzt wird.
Die neuen Zollregeln machen diese Rechnung sichtbarer.
Temu, Shein, AliExpress und andere Plattformen werden deshalb wahrscheinlich weiterhin Millionen Menschen mit niedrigen Preisen erreichen.
Doch für Verbraucher lohnt sich inzwischen mehr denn je ein kurzer Moment zwischen „In den Warenkorb“ und „Jetzt kaufen“.
Nicht nur fragen:
Wie billig ist es?
Sondern:
Was kostet mich dieser Kauf am Ende wirklich – und hätte ich ihn ohne den Rabatt überhaupt gemacht?

