Portemonnaie vergessen? Ärgerlich. Smartphone vergessen? Für viele Menschen inzwischen fast schlimmer. Fahrkarten, Bankkarten, Bordkarten, Kundenkarten und Autoschlüssel sind längst teilweise digital verfügbar. Nur bei der eigenen Identität endet diese Entwicklung bislang relativ schnell.
Das soll sich ändern. Deutschland bereitet die Einführung der EUDI-Wallet vor, einer europäischen digitalen Brieftasche für Identitätsdaten und persönliche Nachweise. Der Personalausweis soll darin einen digitalen Zwilling erhalten. Perspektivisch könnten weitere Dokumente wie Führerschein, Geburtsurkunde oder Fahrtickets hinzukommen.
Der Start ist für Anfang 2027 vorgesehen. Nach Angaben des Bundesdigitalministeriums soll Deutschland am 2. Januar 2027 eine funktionsfähige Wallet bereitstellen. Zunächst stehen Identifizierung und Nachweise im Mittelpunkt; weitere Funktionen sollen anschließend schrittweise folgen.
Das klingt zunächst wie eine weitere App auf einem ohnehin überfüllten Smartphone. Tatsächlich könnte die digitale Identität jedoch eine wesentlich größere Veränderung darstellen. Denn sie betrifft nicht nur Behörden. Auch Banken, Mobilfunkanbieter, Autovermietungen, Onlineshops und andere Unternehmen könnten die Wallet einsetzen.
Was ist die EUDI-Wallet überhaupt?
EUDI steht für European Digital Identity. Die Grundidee besteht darin, Bürgern innerhalb der Europäischen Union eine digitale Identität zur Verfügung zu stellen, mit der sie sich elektronisch ausweisen und bestimmte persönliche Eigenschaften nachweisen können.
Dabei geht es nicht einfach darum, ein Foto des Personalausweises auf dem Smartphone zu speichern. Eine solche Aufnahme besitzt schließlich kaum mehr Funktion als ein Bild in der Fotogalerie.
Die Wallet soll stattdessen ein technisch abgesichertes System für digitale Nachweise sein. Der digitale Zwilling des Personalausweises kann beispielsweise genutzt werden, um sich bei einem Onlineverfahren eindeutig zu identifizieren. Später sollen weitere Dokumente und Funktionen hinzukommen.
Der entscheidende Unterschied liegt also darin, dass die digitale Identität tatsächlich von anderen Diensten überprüft werden kann.
Der Personalausweis wird dadurch nicht abgeschafft
Wer beim Begriff „digitale Identität“ sofort an das Ende des klassischen Personalausweises denkt, kann zunächst beruhigt sein. Die Nutzung der EUDI-Wallet soll freiwillig bleiben.
Nach Angaben der Bundesregierung wird die Anwendung kostenlos angeboten, während analoge Möglichkeiten weiterhin bestehen bleiben. Niemand soll also verpflichtet werden, ausschließlich das Smartphone zur Identifikation zu verwenden.
Das dürfte für die Akzeptanz entscheidend sein. Nicht jeder besitzt ein kompatibles Smartphone, und nicht jeder möchte wichtige persönliche Dokumente digital verwenden.
Außerdem gibt es Situationen, in denen ein physischer Ausweis weiterhin praktisch sein kann. Ein leerer Smartphone-Akku sollte schließlich nicht dazu führen, dass die eigene Identität plötzlich unerreichbar wird.
Die digitale Variante soll deshalb zunächst eine zusätzliche Möglichkeit schaffen, nicht die bisherige vollständig ersetzen.
Besonders interessant wird die Wallet im Internet
Der größte Unterschied dürfte möglicherweise gar nicht beim klassischen Behördengang entstehen, sondern online.
Wer heute beispielsweise einen Vertrag abschließen möchte, muss je nach Anbieter verschiedene Identifikationsverfahren durchlaufen. Teilweise wird der Personalausweis fotografiert, teilweise erfolgt eine Videoidentifikation oder eine andere Form der Authentifizierung.
Mit einer etablierten digitalen Identität könnte dieser Prozess deutlich einfacher werden.
Die Bundesregierung nennt unter anderem Verwaltungsdienstleistungen, Bankgeschäfte und Online-Verträge als mögliche Anwendungsbereiche. Unternehmen könnten Kunden über die Wallet sicher identifizieren und entsprechende Prozesse europaweit anbieten.
Damit könnte ein Teil jener digitalen Bürokratie verschwinden, die eigentlich erst entstanden ist, weil analoge Identitätsverfahren irgendwie ins Internet übertragen werden mussten.
Auch beim Online-Shopping könnte sich etwas verändern
Eine interessante Anwendung ist der Altersnachweis.
Bestimmte Produkte oder Dienste dürfen nur ab einem festgelegten Alter verkauft beziehungsweise genutzt werden. Heute entsteht dabei häufig ein Datenschutzproblem: Um eine einzige Information nachzuweisen – beispielsweise „über 18“ – werden wesentlich mehr persönliche Daten übermittelt.
Die europäische technische Richtung sieht genau hier ein anderes Modell vor. Die EU-Kommission arbeitet an Verfahren, mit denen Nutzer nachweisen können, dass sie eine bestimmte Altersgrenze überschritten haben, ohne ihr genaues Geburtsdatum, ihre vollständige Identität oder weitere persönliche Informationen offenzulegen.
Das Prinzip ist bemerkenswert.
Ein Onlineshop müsste dann möglicherweise nicht wissen, wer ein Kunde genau ist oder wann er geboren wurde. Er müsste lediglich zuverlässig erfahren, dass die notwendige Altersgrenze erfüllt ist.
Datenschutz könnte dadurch nicht über mehr Datensammlung, sondern über weniger Daten funktionieren.
Genau diese Datensparsamkeit soll ein Kernprinzip werden
Bei einer digitalen Identität liegt die größte Sorge auf der Hand: Was passiert mit den persönlichen Daten?
Eine zentrale App, die Identitätsinformationen und möglicherweise später weitere Nachweise enthält, klingt zunächst nach einem ausgesprochen attraktiven Ziel für Cyberkriminelle.
Deshalb soll die Architektur nach Angaben des Bundesdigitalministeriums auf Datensparsamkeit und sogenanntem Selective Disclosure basieren. Nutzer sollen nur diejenigen Informationen offenlegen müssen, die für einen konkreten Vorgang tatsächlich notwendig sind. Auch Open-Source-Komponenten in sicherheitskritischen Bereichen und externe Prüfungen sind vorgesehen.
Das Konzept unterscheidet sich damit von der Vorstellung einer riesigen digitalen Akte, die bei jeder Nutzung vollständig weitergegeben wird.
Wenn lediglich das Alter relevant ist, soll nicht automatisch die gesamte Identität offengelegt werden müssen.
Eine digitale Identität ist nur so gut wie ihr Sicherheitsmodell
Trotzdem verschwinden Sicherheitsrisiken dadurch nicht.
Smartphones können verloren gehen oder gestohlen werden. Schadsoftware kann Geräte angreifen. Phishing versucht schon heute, Bankzugänge, Passwörter und andere persönliche Informationen zu erbeuten.
Je wichtiger digitale Identitäten werden, desto attraktiver werden entsprechende Angriffe.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob ein System theoretisch angegriffen werden kann. Das gilt für nahezu jede digitale Infrastruktur. Entscheidend ist vielmehr, welche Schutzmechanismen existieren, wie Schlüssel und Berechtigungen verwaltet werden und wie eine kompromittierte Wallet gesperrt beziehungsweise wiederhergestellt werden kann.
Auch die Nutzeroberfläche spielt dabei eine Rolle. Ein technisch sehr sicheres System kann in der Praxis unsicher werden, wenn Menschen nicht verstehen, welche Daten sie gerade freigeben.
Gute Cybersecurity benötigt deshalb nicht nur Kryptografie. Sie benötigt auch verständliches Design.
Die Wallet muss Vertrauen erst verdienen
Das Bundesdigitalministerium selbst erkennt diese Herausforderung an. Bei der Vorstellung des Projekts wurde betont, dass Fragen nach Datenzugriff, Transparenz und Architektur berechtigt seien und die Wallet nur erfolgreich sein könne, wenn sie Vertrauen gewinne.
Das ist bei digitaler Identität besonders wichtig.
Eine Wetter-App kann technisch hervorragend sein, selbst wenn ihr nur ein kleiner Teil der Bevölkerung vertraut. Eine digitale Identitätsinfrastruktur entwickelt ihren eigentlichen Nutzen dagegen erst, wenn sie von Bürgern, Behörden und Unternehmen breit akzeptiert wird.
Vertrauen lässt sich dabei kaum per Gesetz verordnen.
Es entsteht, wenn das System zuverlässig funktioniert, Sicherheitsprobleme transparent behandelt werden und Nutzer nachvollziehen können, welche Daten wann an wen übermittelt wurden.
Mehr als 150 Unternehmen testen bereits Anwendungen
Die Wallet soll deshalb nicht ausschließlich ein Verwaltungsprojekt bleiben. Nach Angaben der Bundesregierung testen bereits mehr als 150 Unternehmen mögliche Anwendungsfälle in einer sogenannten Sandbox.
Das ist entscheidend für die Frage, ob Menschen die Wallet später tatsächlich regelmäßig verwenden.
Der durchschnittliche Bürger hat schließlich nicht jede Woche Kontakt mit einer Behörde. Wird eine digitale Identität ausschließlich benötigt, um gelegentlich einen Verwaltungsantrag zu stellen, bleibt ihre Nutzung entsprechend selten.
Anders sieht es aus, wenn dieselbe Infrastruktur auch für Bankauthentifizierung, Mobilfunkverträge, Altersnachweise, Mietwagen oder Online-Shopping eingesetzt werden kann.
Dann könnte die Wallet zu einer alltäglichen digitalen Infrastruktur werden.
Das Smartphone könnte zum digitalen Schlüsselbund werden
Die Entwicklung erinnert ein wenig an mobile Bezahlverfahren.
Anfangs wirkte das Bezahlen mit Smartphone oder Smartwatch für viele Menschen wie eine technische Spielerei. Heute ist es für einen Teil der Bevölkerung völlig normal geworden.
Bei der digitalen Identität könnte eine ähnliche Entwicklung stattfinden.
Ein Smartphone würde dann nicht nur Zahlungsmittel, Fahrkarte und Kommunikationsgerät sein, sondern zusätzlich einen verifizierten Identitätsnachweis enthalten.
Damit verändert sich allerdings auch die Bedeutung des Geräts.
Wer sein Smartphone verliert, verliert zwar nicht automatisch seine Identität. Trotzdem könnte der Ausfall wesentlich unangenehmer werden, wenn immer mehr alltägliche Funktionen an das Gerät gekoppelt sind.
Backup- und Wiederherstellungsmechanismen werden deshalb mindestens so wichtig wie die eigentliche Wallet.
Der digitale Führerschein ist ein naheliegender nächster Schritt
Besonders logisch erscheint die Integration des Führerscheins.
Deutschland arbeitet ohnehin bereits an digitalen Fahrzeug- und Führerscheindokumenten. Der digitale Fahrzeugschein ist seit 2025 Teil der staatlichen Digitalisierungsstrategie und inzwischen auch für Unternehmen verfügbar.
Perspektivisch soll auch der Führerschein in der EUDI-Wallet gespeichert werden können.
Für Verbraucher könnte daraus ein deutlich praktischeres digitales Dokumentenmanagement entstehen. Statt mehrere unterschiedliche Apps für verschiedene staatliche Nachweise zu verwenden, könnten zentrale Identitätsfunktionen miteinander verbunden werden.
Genau an diesem Punkt wird allerdings auch Interoperabilität wichtig.
Eine digitale Brieftasche bringt wenig, wenn ein Dokument zwar gespeichert werden kann, aber nur von wenigen Stellen akzeptiert wird.
Der europäische Ansatz macht die Sache besonders interessant
Die EUDI-Wallet ist kein ausschließlich deutsches Projekt. Sie basiert auf einem europäischen Rahmen für digitale Identität.
Damit entsteht theoretisch ein entscheidender Vorteil: Ein digitaler Identitätsnachweis soll nicht an der Landesgrenze seine Bedeutung verlieren.
Wer beispielsweise in einem anderen EU-Staat einen Dienst nutzt, könnte seine digitale Identität ebenfalls einsetzen. Das ist gerade für Reisen, Mietwagen, Bankgeschäfte, Ausbildung oder grenzüberschreitende Dienstleistungen interessant.
Europa versucht damit etwas, das bei digitalen Diensten häufig fehlt: einen gemeinsamen Standard.
Technologisch ist das wesentlich anspruchsvoller als eine nationale Insellösung. Langfristig könnte gerade die grenzüberschreitende Nutzung jedoch zum größten Vorteil werden.
Online-Verträge könnten wesentlich schneller werden
Ein Beispiel zeigt, was das praktisch bedeuten könnte.
Heute kann der Abschluss eines Mobilfunkvertrags mehrere Schritte umfassen. Persönliche Daten werden eingegeben, anschließend muss die Identität separat bestätigt werden und möglicherweise folgen zusätzliche Sicherheitsverfahren.
Mit einer etablierten Wallet könnte ein Teil dieser Informationen direkt als verifizierter Nachweis bereitgestellt werden.
Das Bundesdigitalministerium nennt Mobilfunkverträge ausdrücklich als einen möglichen Anwendungsfall. Auch Bankauthentifizierung und digitale Altersnachweise gehören zum geplanten Ökosystem.
Der Vorteil wäre nicht nur Geschwindigkeit.
Unternehmen müssten bestimmte Daten möglicherweise nicht mehr selbst aufwendig verifizieren, wenn sie auf einen standardisierten Identitätsnachweis vertrauen können.
Auch Paketabholung könnte einfacher werden
Digitale Identität muss nicht immer nach großer Staatsmodernisierung klingen.
Ein erstaunlich alltägliches Beispiel ist die Paketabholung.
Bei bestimmten Sendungen muss heute ein Ausweis vorgelegt werden. Eine Wallet könnte künftig einen entsprechenden Identitätsnachweis direkt über das Smartphone ermöglichen. Die Bundesregierung nennt Paketabholung bereits als einen möglichen Anwendungsfall.
Genau solche kleinen Situationen entscheiden häufig darüber, ob eine Technologie im Alltag akzeptiert wird.
Menschen installieren normalerweise keine App, weil die zugrunde liegende kryptografische Architektur elegant ist.
Sie nutzen sie, weil ein Vorgang plötzlich schneller oder einfacher funktioniert.
Digital unterschreiben soll ebenfalls einfacher werden
Die erste Version der Wallet soll sich zunächst auf Identifizierung und Nachweise konzentrieren. Danach sind weitere Funktionen vorgesehen.
Dazu gehört unter anderem das digitale Signieren. Auch pseudonyme Log-ins und Freigaben für Zahlungsvorgänge sollen später ergänzt werden.
Besonders digitale Signaturen könnten interessant werden.
Noch immer existieren Prozesse, bei denen Dokumente heruntergeladen, unterschrieben, eingescannt und wieder hochgeladen werden. Das ist technisch gesehen eine bemerkenswert analoge Schleife innerhalb eines digitalen Vorgangs.
Eine sichere digitale Signatur könnte solche Prozesse deutlich vereinfachen.
Allerdings hängt der praktische Nutzen erneut davon ab, wie breit die Funktion akzeptiert wird.
Pseudonyme Log-ins könnten ein unterschätztes Feature werden
Noch interessanter könnte langfristig der pseudonyme Login sein.
Viele Onlinedienste verlangen heute eine E-Mail-Adresse oder andere persönliche Informationen, obwohl sie die tatsächliche Identität des Nutzers gar nicht benötigen.
Eine digitale Identitätsinfrastruktur könnte theoretisch bestätigen, dass ein Nutzer legitim ist, ohne unnötig viele persönliche Informationen weiterzugeben.
Damit würde Identifikation differenzierter.
Nicht jede Webseite muss wissen, wie jemand heißt. Nicht jeder Dienst benötigt das Geburtsdatum. Und nicht jede Altersprüfung benötigt eine Kopie des Personalausweises.
Das Prinzip „so viele Daten wie nötig, so wenige wie möglich“ könnte dadurch technisch wesentlich leichter umgesetzt werden.
Gleichzeitig darf die Wallet nicht zum digitalen Generalschlüssel werden
Genau hier liegt allerdings auch eine Gefahr.
Wenn dieselbe digitale Identität für immer mehr Dienste verwendet wird, muss verhindert werden, dass daraus ein universell verknüpfbares Nutzerprofil entsteht.
Ein Altersnachweis im Onlineshop sollte beispielsweise nicht automatisch mit einem Behördenvorgang oder einem Mobilfunkvertrag zusammengeführt werden können.
Technisch muss deshalb eine Balance entstehen: Die Wallet soll zuverlässig bestätigen, dass ein Nachweis echt ist, ohne gleichzeitig unnötige Verknüpfungen zwischen unterschiedlichen Lebensbereichen zu ermöglichen.
Selective Disclosure und pseudonyme Verfahren sind genau für solche Probleme relevant.
Ob die praktische Umsetzung diese Ansprüche erfüllt, wird sich allerdings erst im realen Betrieb zeigen.
Was passiert, wenn das Smartphone verloren geht?
Diese Frage dürfte für viele Nutzer wesentlich wichtiger sein als technische Fachbegriffe.
Wer heute sein Portemonnaie verliert, muss Karten sperren und gegebenenfalls Dokumente neu beantragen. Bei einer digitalen Wallet verschiebt sich dieses Problem.
Das System benötigt deshalb sichere Verfahren, um verlorene oder kompromittierte Geräte auszuschließen und die Identität auf einem neuen Gerät wiederherzustellen.
Gleichzeitig darf die Wiederherstellung nicht so einfach sein, dass ein Angreifer sie übernehmen kann.
Das ist ein klassisches Sicherheitsdilemma: Je komfortabler ein Recovery-Prozess wird, desto sorgfältiger muss verhindert werden, dass er missbraucht werden kann.
Für die Akzeptanz der Wallet wird deshalb nicht nur entscheidend sein, wie sie an einem normalen Tag funktioniert. Wichtig ist auch, wie gut sie funktioniert, wenn etwas schiefgeht.
Die Technik muss auch ohne High-End-Smartphone funktionieren
Eine weitere Herausforderung ist digitale Teilhabe.
Nicht jeder besitzt das neueste Smartphone. Manche Menschen verwenden ältere Geräte, andere haben wenig Erfahrung mit Apps oder digitalen Identifikationsverfahren.
Eine staatlich relevante Infrastruktur darf deshalb nicht nur für technikaffine Nutzer komfortabel sein.
Die Bundesregierung betont aus diesem Grund, dass die Wallet freiwillig bleiben und analoge Angebote weiterhin bestehen sollen.
Das ist wichtig, weil Digitalisierung sonst paradoxerweise neue Bürokratie erzeugen kann.
Wenn ein digitaler Prozess zwar schneller ist, ältere oder technisch weniger erfahrene Menschen aber dafür zusätzliche Hilfe benötigen, ist der gesellschaftliche Nutzen begrenzt.
Gute Digitalisierung bedeutet deshalb nicht, Papier möglichst schnell abzuschaffen. Sie bedeutet, den digitalen Weg so attraktiv zu machen, dass Menschen ihn freiwillig wählen.
Deutschland hat bei digitaler Verwaltung einiges aufzuholen
Die EUDI-Wallet steht außerdem in einem größeren Zusammenhang.
Deutschland versucht derzeit, seine Verwaltungsdigitalisierung deutlich zu beschleunigen. Neben der digitalen Identität arbeitet der Bund an einer Deutschland-App, digitalen Verwaltungsleistungen und KI-gestützten Verfahren.
Von derzeit rund 8.500 Verwaltungsdienstleistungen sollen schrittweise immer mehr über die Deutschland-App verfügbar werden. Im Hintergrund soll künstliche Intelligenz dabei helfen, Leistungen zu identifizieren, zu katalogisieren und Verwaltungsprozesse zu unterstützen.
Die Wallet könnte innerhalb dieser Architektur zum Identitätsschlüssel werden.
Eine App zeigt den gewünschten Verwaltungsdienst. Die digitale Identität bestätigt, wer den Antrag stellt. Im Hintergrund werden Daten zwischen Systemen verarbeitet.
Wenn diese Komponenten tatsächlich zusammenspielen, könnte daraus ein deutlich anderes Verwaltungserlebnis entstehen.
Die eigentliche Revolution wäre: weniger Formulare
Digitalisierung wird häufig daran gemessen, ob ein Antrag online gestellt werden kann.
Das ist allerdings ein ziemlich niedriger Maßstab.
Ein PDF herunterzuladen, am Computer auszufüllen und anschließend wieder hochzuladen ist technisch digital, fühlt sich aber weiterhin nach Papierverwaltung an.
Eine funktionierende digitale Identität könnte einen anderen Ansatz ermöglichen.
Wenn bestimmte Angaben bereits verifiziert vorhanden sind, müssten sie nicht bei jedem Antrag erneut eingegeben werden. Nutzer könnten gezielt freigeben, welche Informationen für einen Vorgang benötigt werden.
Das wäre der eigentliche technologische Fortschritt: nicht das Formular vom Papier auf den Bildschirm zu verschieben, sondern Teile des Formulars überflüssig zu machen.
Auch Unternehmen könnten profitieren
Für Unternehmen entstehen ebenfalls mögliche Vorteile.
Identitätsprüfung verursacht Kosten. Je nach Branche müssen Kunden überprüft, Altersgrenzen eingehalten oder bestimmte Vertragsinformationen verifiziert werden.
Eine europaweit standardisierte digitale Identität könnte solche Prozesse vereinfachen.
Die Bundesregierung sieht deshalb ausdrücklich wirtschaftliches Potenzial in der Wallet. Unternehmen sollen Kunden sicher identifizieren und darauf neue europaweite Geschäftsmodelle aufbauen können.
Dass bereits mehr als 150 Unternehmen Anwendungen testen, zeigt, dass die wirtschaftliche Seite des Projekts nicht erst nach dem staatlichen Start entwickelt werden soll.
Ob daraus tatsächlich ein breites Ökosystem entsteht, wird allerdings davon abhängen, wie einfach Unternehmen die Wallet integrieren können.
2027 wird deshalb eher der Anfang als der fertige Zustand
Wer vom Start im Januar eine vollständig ausgereifte digitale Brieftasche mit sämtlichen Dokumenten und Funktionen erwartet, dürfte enttäuscht werden.
Die Bundesregierung beschreibt ausdrücklich einen stufenweisen Ausbau. Zunächst stehen Identifizierung und Nachweise im Mittelpunkt. Digitale Signaturen, pseudonyme Log-ins und Zahlungsfreigaben sollen anschließend folgen.
Auch das Bundesdigitalministerium betont, dass die Wallet nach dem Start kontinuierlich erweitert werden soll.
Das ist bei einem Projekt dieser Größenordnung kaum überraschend.
Entscheidend wird sein, ob die erste Version bereits genügend praktische Anwendungen besitzt, damit Bürger einen Grund haben, sie tatsächlich einzurichten.
Eine digitale Identität, die theoretisch viel kann, aber im Alltag kaum irgendwo akzeptiert wird, hätte zunächst wenig Nutzen.
Datenschutz könnte vom Hindernis zum Vorteil werden
Digitale Identität und Datenschutz werden häufig als Gegensätze dargestellt.
Je mehr digitalisiert wird, desto mehr Daten würden zwangsläufig gesammelt – so die verbreitete Befürchtung.
Die Wallet könnte theoretisch zeigen, dass es auch anders geht.
Wenn ein Dienst lediglich wissen muss, ob jemand volljährig ist, ist die Übermittlung des vollständigen Geburtsdatums eigentlich unnötig. Wenn eine Behörde nur einen bestimmten Nachweis benötigt, muss sie nicht automatisch Zugang zu weiteren Informationen erhalten.
Technologien wie Selective Disclosure versuchen genau diese Trennung technisch umzusetzen.
Damit könnte digitale Identität im Idealfall sogar datensparsamer funktionieren als manche heutige analoge oder halb-digitale Lösung, bei der vollständige Ausweiskopien verschickt oder gespeichert werden.
Ob dieses Versprechen in der Praxis eingelöst wird, bleibt eine der wichtigsten Fragen des Projekts.
Fazit: Der Personalausweis bekommt einen digitalen Zwilling
Mit der EUDI-Wallet steht Deutschland vor einer technologischen Veränderung, die zunächst unspektakulär wirken kann, langfristig aber viele digitale Prozesse beeinflussen dürfte. Ab Anfang 2027 soll die erste Version verfügbar sein. Der Personalausweis erhält einen digitalen Zwilling, weitere Nachweise sollen folgen.
Besonders interessant ist, dass die Wallet nicht auf Behördengänge beschränkt bleiben soll. Bankgeschäfte, Mobilfunkverträge, Altersnachweise, Autovermietungen, Paketabholung und Online-Shopping gehören zu den denkbaren Anwendungen. Mehr als 150 Unternehmen testen bereits entsprechende Szenarien.
Der Erfolg wird allerdings weniger davon abhängen, wie beeindruckend die Technologie auf dem Papier aussieht. Entscheidend sind Sicherheit, Datenschutz, einfache Bedienung und genügend Stellen, die den digitalen Nachweis tatsächlich akzeptieren.
Wenn das gelingt, könnte das Smartphone in den kommenden Jahren eine weitere Aufgabe übernehmen: Es wäre nicht mehr nur Kommunikationsgerät, Zahlungsmittel, Kamera und Fahrkarte, sondern auch ein digitaler Schlüssel zur eigenen Identität.
Und vielleicht zeigt sich der größte Fortschritt irgendwann an etwas erstaunlich Untechnischem: daran, dass wir beim nächsten Online-Vertrag nicht mehr fotografieren, scannen und Formulare ausfüllen müssen, sondern nur noch gezielt bestätigen, welche Information wir wirklich weitergeben wollen.

